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ABI 2002                                

Die Preisträger des Abijahrgangs 2002 mit dem Schulleiter, Obertstufenberater und den Stammkursleitern
Schülerrede von Aischa Astou Saw

am 27. Juli 2002

Sehr geehrte Lehrer, Eltern und Mitschüler!

Als ich mir überlegte, wie ich diese Rede am besten schreiben und was ich ihnen sagen wolle, wurde mir klar, dass diese keine dieser stilistisch perfekt ausformulierten, mit vielen rhetorischen Versiertheiten ausgeschmückten Reden werden soll. Vielmehr möchte ich die Gelegenheit nutzen, um einige meiner Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die die Bedeutung der Schule, in einer von vielen als “Spaßgeneration” bezeichneten Jugend betreffen.

Nun ist es kein Geheimnis, dass die Schule für viele eine langjährige Last darstellt, die zu ertragen man gezwungen ist, um später einmal seinen Wunschberuf ausüben zu können. Durch den ständigen Druck, sich bei den Lehrern, Eltern und letztlich auch sich selbst zu profilieren, stellt der Unterricht für die wenigsten etwas erfreuliches oder gar in Privileg dar. Nur allzu oft geraten dabei allerdings die wertvollen Inhalte, die uns in den letzten 13 Jahren vermittelt wurden, in Vergessenheit.

Tausende junger Menschen, speziell in den Entwicklungsländern, träumen, während sie die Schuhe oder Autos anderer Leute putzen, selbst hergestellte Skulpturen verkaufen oder den ganzen Tag in Fabriken arbeiten, um ihre Familie ernähren zu können, davon, den Unterricht besuchen zu dürfen.

Vergleicht man also die heutige Situation der Entwicklungsländer, mit der, der Industriestaaten, so wird man stark an die Lage des Arbeiterstandes während der industriellen Revolution erinnert und wir dürfen es keinesfalls zulassen, dass eben diese Länder zum Proletariat des 21. Jahrhunderts werden.

Leider geht die Hilfe des Einzelnen über die Bereitschaft Almosen zu spenden oft nicht hinaus. Ein Verhalten, dass Johann Hinrich Wichern bereits      als gesellschaftliche Fehlentwicklung erkannte und das man auch heute noch in weiten Teilen der Beölkerung wiederfindet. Es ist keinesfalls ausreichend, den Bedürftigen Kleider und Lebensmittel zu spenden, denn durch derartige Hilfsmaßnahmen werden soziale Missstände zwar gemildert, niemals jedoch beseitigt.

Die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen sowohl wirtschaft- und naturwissenschaftlicher, als auch geisteswissenschaftlicher Art, die Schulung der Bevölkerung also, sind notwendig um die Armut langfristig zu besiegen.

Malcolm X traf mit den Worten: “Bildung ist unser Schlüssel in die Zukunft, denn sie gehört jenen, die sich heute bereits darauf vorbereiten.” den Kern des Problems, denn für viele bleibt die Vorstellung davon Lesen und Schreiben zu lernen meist nicht mehr als ein unerreichbarer Traum. Uns, denen bereits seit unserem 6. Lebensjahr diese Möglichkeit der Bildung zur Verfügung steht, ist nur selten bewusst, welch ein Glück wir haben eben diesen Weg einschlagen zu können und wir sollten dieses uns zuteil gewordene Glück zu schätzen wissen.

Es wäre Hochmut dise Tatsache ungeachtet zu lassen und wir haben eine große Verantwortung gegenüber jenen, denen diese Möglichkeit nicht offen stand, die Vorraussetzungen, welche wir uns in den letzten Jahren angeeignet haben, sinnvoll zu nutzen.

Wenn heute über Zukunftspläne gesprochen wird, stehen Kriterien wie ein hohes Einkommen, familiäres Glück und persönliche Flexibilität im Vordergrund. Dies alles sind jedoch ICH-bezogene Wertvorstellungen und es scheint, dass die Bereitschaft zu sozialem Engagement und der Wunsch sich für das Wohlergehen anderer Menschen einzusetzen auf ein Minimum reduziert wurde.

Die dramatischen Ereignisse in Erfurt haben nur allzu deutlich gezeigt, das es nicht ausreicht in den Schulen rein fachspezifische Inhalte zu vermitteln, sondern, dass ein modernes Bildungssystem ebenso auf soziale Komponenten eingehen muss, die den Grundstein für ein harmonisches und friedvolles Miteinander bilden.

Ausgangspunkt jeder toleranten, aufgeschlossenen Gesellschaft ist letztlich die Sprache als primäres Kommunikationsmittel.

Zwar kann sie einerseits als gefährliche Waffe gebraucht werden, um Propaganda zu betreiben und bestimmte Gruppierungen gegeneinander aufzuhetzen, was durch das Dritte Reich zweifellos bewiesen wurde, andererseits bietet sich durch sie die Möglichkeit sich mit seinem Gegenüber auseinander zu setzen und gerade im Zeitalter der Globalisierung ist die Sprache der Schlüssel dazu fremde Kulturen und Mentalitäten, die so verschieden sind, wie die Menschen selbst, zu verstehen, um sich einer Welt zu nähern, in der Toleranz und nicht länger Unverständnis, Terror und Krieg das Geschehen beherrschen.

Angesichts der zahlreichen gewaltsamen Konflikte, sei es in Nordirland, Afghanistan, Indien oder Israel, deren Bilder wir nur allzu deutlich vor Augen haben, klingt das vielleicht nach einer idealistischen Wunschvorstellung. Doch sind nicht manchmal utopisch scheinende Ziele notwendig, um die Realität zumindest ein Stück weit zu verbessern?

Sich in der Schule nicht nur mit wissenschaftlichen Sachverhalten auseinander zu setzen, sondern im Gespräch Toleranz zu erlernen, ist ein elementarer Prozess, der Schüler zu friedfertigen und aufgeschlossen denkenden Menschen formt.

Der Inhalt von Worten wie “Solidarität”, “Soziale Gerechtigkeit” oder “Nächstenliebe” muss durch Konversation und Diskussion deutlich werden, damit sie nicht nur wohl klingende, letztlich aber nichts sagende, leere Worte bleiben. Denn nur wer sich ihrer vollen Bedeutung bewusst ist und ihre Botschaft versteht, kann entsprechend handeln, um zum Frieden beizutragen.

 Jedoch darf man nicht allein der Schule die Aufgabe zuweisen, Jugendlichen mehr Mitmenschlichkeit zu vermitteln. Unerlässlich dafür ist und bleibt die Familie.

Sie bildet das Fundament in der Entwicklung eines jedes Menschen, denn hier kann man sich frei von allen gesellschaftlichen Zwängen entfalten und seine Probleme mitteilen, um gemeinsam zu friedlichen Lösungen zu kommen, Kompromissbereitschaft und Selbstverantwortung zu erlernen.

Diese Aufgabe soll und kann die Schule niemals übernehmen, denn wer kennt ein Kind besser als dessen Eltern?

Ich bin überzeugt davon, dass eine Welt, in der die Menschen in Liebe und Respekt füreinander, zusammenleben, nicht unerreichbar ist, wenn wir uns alle jeden Tag aufs Neue diese Pflicht vor Augen halten.

Zum Abschluss möchte ich mich noch ganz persönlich bei meiner Mutter bedanken, die immer Zeit für mich hatte, an mich geglaubt hat und mir beibrachte, Vertrauen in mich selbst zu haben.

 

 
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